Scrum, Kanban, Lean Manufacturing – diese Dinge haben ihre Wurzeln in Japan, beziehungsweise bauen auf japanischen Traditionen und Werten auf. In der Geschichte von Scrum und agilem Arbeiten hat sich daher eine sehr starke Verbindung zu Japan und zur japanischen Sichtweise ergeben. Das soll natürlich nicht heißen, dass Scrum oder agiles Arbeiten eine japanische Erfindung sei…Viele von diesen Traditionen kommen in anderen – und natürlich auch in unserem Kulturkreis genauso vor…Das Thema der heutigen Folge ist das SHU-HA-RI…

Das Shu-Ha-Ri-Konzept

Der Begriff SHU-HA-RI kommt – wie gesagt –  aus Japan und wird heute meist in Verbindung Kampfsport also AIKIDO oder KARATE gebracht, Dieses alte japanische Konzept des Lernens soll auf KAWAKAMI FUHAKU zurückgehen der im 18.Jhdt lebte (1719-1807) . Es beschreibt die drei Lernstufen zur Meisterschaft. 

Shu-ha-ri heisst übersetzt: “ erst lernen, dann loslösen und endlich übertreffen“.

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Und es beschreibt den dreistufigen Prozess zur Erlangung der Meisterschaft, den wir in Deutschland so ähnlich auch als „Lehrling, Geselle, Meister“ kennen. (um mal die älteren deutschen Bezeichnungen dafür zu verwenden), wir durchlaufen also 3 Status um zum Meister zu werden

Die Begriffe selbst bedeuten hier

SHU = KOPIEREN, oder das Lernen der Form

          HA  = ABWEICHEN, oder das Überschreiten der Form

              RI  = FREIE VERWENDUNG, oder eigene Wege finden

Doch grau ist bekanntlich alle Theorie: hier mal ein paar Beispiele, was das bedeutet:

Nicht nur in Japan oder Deutschland sind diese drei Schritte bekannt – gehen wir mal gedanklich nach Westen nach Mexiko…dort gibt es eine Tradition, die sich seit den 40er Jahren zum Touristenmagnet entwickelt hat, die Clavadistas. So werden die Klippenspringer von La Quebrada in Acapulco genannt…Du hast bestimmt von ihnen gehört – der Felsen, von dem sie runterspringen ist ungefähr 35 Meter hoch und fällt nicht senkrecht ab, sondern leicht geneigt in eine Schlucht, die unten nur 7 Meter breit ist. Die Neigung bedeutet, dass der Felsen unten ca. 3,5 m vom Absprungspunkt entfernt ins Wasser geht..Das Wasser dort ist nur wenige Meter tief, so dass der richtige Moment der Brandung abgewartet werden muss um nicht auf den Boden aufzukommen. Man muss also mindestens 4 Meter weit abspringen und den richtigen Moment erwischt haben, um den Sprung zu überleben oder nicht zumindest eine schwere Verletzung zu riskieren…Warum machen die Leute das? Nun ja – wie so oft – früher – also vor den 1930er Jahren war es schlicht eine Mutprobe für die jungen Männer, die sich daraus ergeben hatte, dass früher die Fischer vom Felsen ins Wasser sprangen um verhedderte Angelschnüre zu befreien – das haben sie natürlich nicht von oben gemacht sondern von viel weiter unten – aber die Mutprobe lag ja dann nahe einfach mal zu probieren, ob das auch von weiter oben funktioniert. Heutzutage ist Klippenspringer in Mexiko ein anerkannter Beruf und die Ausbildung ist langwierig…Was meinst Du, auf welcher Höhe die jungen Klippenspringer beginnen? 10meter? 5 meter? 3 meter? – nein. Auf einem halben Meter…Wochenlang üben die Jungs den Absprung ins Wasser – man muss es im Schlaf können, die Technik muss absolut sitzen – schließlich muss man in jedem Fall die Entfernung von 4 Metern überbrücken, um zu überleben…Und lebensmüde sind die Clavadistas nicht – sie sind Meister ihres Fachs…Der Anfang ist das Fundament – der SHU-State: Stand, Sprungkraft, Haltung in der Luft, das wird über Monate trainiert. Die nächste Stufe ist bei 3metern – und das wird nochmal für mindestens 6 Monate trainiert – erst wenn die Technik perfekt sitzt, dürfen die jungen Springer höher und nach 3-5 Jahren springen sie vom obersten Punkt…sie haben dann die Stufe des Meisters erreicht…

Wenn wir also uns die Entwicklung dieser – ich nenne es mal – Kunst vorstellen, dann haben die jeweiligen Meister ihres Fachs es vollbracht immer weiter höher zu steigen, bis sie in der Lage waren vom obersten Punkt des Felsens zu springen. Und dieses Wissen haben sie dann an die nächsten Generationen weiterzugeben. Der RI-State war jeweils Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Fähigkeit. Basis war der SHU-State.

Gehen wir mal ein paar Jahre zurück und wieder nach Europa – Wir machen eine kleine Zeitreise ins Jahr 1860 – zu einem Mann nahmens Edouard Manet. Edouard war Maler im Paris in der Mitte des 19.Jahrhunderts.  Man muss sich das mal vorstellen: in einer Zeit, in der es weder Fotografie noch Filme gab, war die Malerei ein beliebtes Mittel für Kopfkino…neben der Literatur natürlich – es wurden Bilder gemalt, die Geschichten erzählten, oder Handlungen, Dinge und Orte detailgetreu darstellten…Mitte des 19. Jahrhunderts war Paris das Zentrum der Kunstwelt und der Maler stand als Beruf auf einer Stufe mit dem Arzt oder Juristen. Die Maler durchliefen eine jahrelange Ausbildung an der Schule für bildende Künste in der sie mit dem Abmalen von alten Meistern begannen und nach vielen Jahren mit Aktmalerei abschlossen – Edouard Manet, den man heute als Wegbereiter der modernen Malerei ansieht, war einer von ihnen. Eine jährlich stattfindende Ausstellung im so genannten „Salon“ war sozusagen die Weltausstellung und Casting-Show der damaligen Kunstwelt. Die Ausstellung dauerte 6 Wochen und es kamen bis zu einer Million Besucher um sich die Werke anzusehen. Die besten Werke wurden mit Medaillen ausgezeichnet und die unerbittliche Jury entschied, welche Bilder in den erlauchten Kreis der Ausstellung aufgenommen oder welche abgelehnt wurden…Wer es in die Ausstellung schaffte war ein gemachter Mann – für die Siegerbilder schossen die Preise in die Höhe. Wer nicht vertreten war und abgelehnt wurde, konnte sich die Kugel geben…was einige Maler auch tatsächlich nach ihrer Ablehnung realisierten…Natürlich waren alle Maler hier in dem Ri State – sie hatten die Grundlagen von der Pike auf gelernt, waren mit allen Techniken vertraut und konnten sie perfekt umsetzen. Warum ich das hier erzähle? Edouard Manet, der mit einigen Freunden Meister seines Fachs war, wagte es   sich vom Mainstream abzuwenden und eine eigene Kunstausstellung zu eröffnen und einen neuen Malstil zu begründen – den Impressionismus – einen Stil, der mit grobem Pinselstrich und ohne feine Details auskam und somit die etablierte Kunst veränderte. Heute hängen die Bilder der modernen Maler in allen großen Museen und sind Millionen wert…Der Meister – im RI-State – ist in der Lage neue Wege zu gehen. Aber das auf der Basis seiner Meisterschaft. Es ist ja nicht so, dass er nicht „fein und detailliert“ malen konnte!…Pablo Picasso, der mit seinen unförmigen Portraits bekannt geworden ist, konnte „normale Bilder“ malen, die Technik hatte er drauf. Aber durch seine Meisterschaft hat er über die Grenzen der reinen Abbildung geschaut und neue Welten und Interpretationen geschaffen, die voher so nicht existierten…

Und Arien Robben – wer kennt nicht den Robben Move, den er über 10 Jahre lang ausgeführt hat, und der die gegnerischen Verteidiger bis an sein Karriereende zur Verzweiflung gebracht hat. Jahrelang hat der kleine Arien geübt und auch im Zenit seiner Karriere hat er jeden Tag 30min nach dem offiziellen Training diesen Move und Schuss trainiert. Jeden Tag über mehr als 10 Jahre hinweg…

Die Erkenntnis daraus ist…es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen (altes deutsches Sprichwort…): Wir brauchen Zeit für die Entwicklung, wir dürfen nicht zu ungeduldig sein…

Der Shu-State: bedeutet viel Demut – ich schaue zu und ahme nach. Ich erkenne an, dass es bistimmte Dinge gibt, die ich erstmal lernen muss, bevor ich die Welt verändern kann. Und ich erkenne an, dass ich noch nicht von anfang an alles verstehen kann, manches Verständnis kommt erst mit der ständigen Wiederholung. 

Der Ha-State: bedeutet sein Selbstbewusstsein aufbauen: Ich wende an und kann es und erreiche die gleiche Qualität wie der Meister selbst. Der Bauplan kommt vom Meister aber ich habe die Fähigkeit meinen Stuhl in derselben Qualität und Güte zu bauen, wie er. Und ich erlaube mir erste Experimente etwas zu verändern – in gewissen Grenzen, die noch vom Meister vorgegeben werden. Mit der Gewissheit es zu können werde ich mutiger und kann neues Entdecken – ich steige sozusagen den Fels etwas höher…mit der Erlaubnis des Meisters, der immer noch über mich wacht..

Der Ri-Status: bedeutet Souveränität, Freiheit und Kreativität: Ich kenne den Rahmen und verändere die Regeln und finde neue Wege zum Besseren. Auf Basis meiner jahrelangen Erfahrung kann ich Dinge so einschätzen, dass die Risiken absehbar oder ein völlig neuer Nutzen geschaffen wird. Ich gebe mein Wissen weiter und gebe den Jüngeren zuerst die Wurzeln und dann die Flügel um selbst später die Meisterschaft zu erreichen.

Fazit und Schwenk zurück auf die Agilität:

SHU ist die Stufe des Anfängers, hier schaffst Du dir ein sicheres Fundament – sieh es als eine Art Lebensversicherung an. Wenn das Fundament nicht steht, wackelt das Haus ein Leben lang…Das Fundament erreichst Du durch Nachmachen des Gezeigten und Erklärten. Wenn Du oder ein Team im SHU-Status ist, ist es noch nicht reif für eigene Kreativität und es ist ratsam die Regeln einer agilen Methodik zu befolgen. Das ist kein Mangel, es ist nur ein Status. Viele Dinge werden erst durch Wiederholung klar und dahinter liegende Prinzipien erschließen sich erst mit der Zeit. Im SHU-State solltest Du dich darauf konzentrieren die Rituale, Meetings und Tools wie Backlog, Userstories, Taskboard oder Kanban-Board – Wip-Limits, Planungsmeeting, Dailies und Reviews und Retrospektiven zu etablieren und konsequent durchzuführen und zu optimieren. 

HA ist die Stufe, in der Du die Techniken beherrscht und nun beginnst die Hintergründe der Techniken und Formen zu hinterfragen und zu verstehen. Wenn Du oder Dein Team reifer in der agilen Arbeit mit Scrum oder auch Kanban ist und Du den HA-Status erreicht hast, kannst Du gewisse Regeln anpassen (brechen), um bessere Ergebnisse zu erzielen. Im HA-State geht es dann um Themen wie Struktur in der Arbeit, Kultur und Werte im Unternehmen, Verhalten untereinander und Führung/oder neudeutsch „Leadership“. 

In der RI-Stufe hast Du das Wissen Deines Lehrers vollständig aufgenommen und bist selbst zum Meister gereift. Es ist Dir nun möglich, dich von einem übergeordneten Standpunkt aus sozusagen aus der Vogelperspektive – von dem Bisherigen zu entfernen und deiner eigenen Auffassung über das agile Arbeiten zu folgen. Im RI-State ist das agile Unternehmen in der Lage neue Regeln zu definieren und beste Ergebnisse zu erziehlen. Wir betreten die Welt der lernenden Organisation. Ein Beispiel dafür ist Spotify…es wird nur oft vergessen, dass es eben die EIGENE Sicht von Spotify ist, die zum damaligen Zeitpunkt ein bester Weg war…Das heißt noch lange nicht, dass man den Spotify Weg auf andere Firmen in andern Entwicklungstufen übertragen kann…

Wenn Du in Deiner Firma den Weg zum agilen Unternehmen anstrebst, agiles Arbeiten mit Scrum oder Kanban einführen willst, dann tust Du gut daran erstmal dem Lehrbuch zu vertrauen. Erst wenn, du am eigenen Leib erfahren und gefühlt hast, wie sich Scrum oder Kanban anfühlen, welche Konsequenzen hinter dem befolgen von Regeln und Prinzipien stecken und wenn Du verstanden hast, was die zugrundeliegenden Werte wirklich bedeuten – erst dann wirst Du in der Lage sein, das System auch für Deine Firma weiterzuentwickeln. Ein „bei uns geht das nicht und wir müssen das erstmal anpassen“ ist wenig zielführend. Wenn Du ein System noch nicht verstanden hast und die Vorteile noch nicht gespürt hast, machst Du es ja kaputt, ohne den Nutzen jemals erfahren zu haben. Leider ist das ein Vorgehen, das sehr oft vorkommt und ich auch sehr oft bei meinen Kunden erlebe. Passe also die Regeln an wenn Du die Meisterschaft erreicht hast, wenn das Team viel Erfahrung gesammelt hat und ihr einen hohen agilen Reifegrad erreicht habt – dann ja – voher nicht.

Irgendwie kommt bei mir dann immer das Bild vom abgeholzten und verbrannten Regenwald hoch, den wir in unfruchtbares Ackerland verwandelt haben, ohne verstanden zu haben, dass die Heilmittel für verbreitete Zivilisationskrankheiten gebraucht hätten,  eigentlich in der Pflanzenart steckte, die wir gerade dummerweise ausgerottet haben, ohne sie vorher über haupt kennenzulernen…

Tja – dumm gelaufen…

Also – wir vermeiden das und blicken zuversichtlich in die Zukunft. Ich wünsche Dir viel Erfolg beim Erklimmen der Leiter zur Meisterschaft – ganz egal auf welcher Sprosse Du aktuell stehst.

Vielen Dank fürs zuhören 

Tschüß

dein agilophiler Frank

Agilophil-Daily Podcast Episode 17 – Shu-Ha-Ri
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